Regelkarte mit UCL und LCL neben Zeichnungstoleranz im Vergleich
Bild: Fertigungsseite

Qualitätssicherung

Teil von Wie wird aus einer Zeichnung ein brauchbarer Prüfplan?

SPC-Regelkarten von Zeichnungstoleranzen unterscheiden

Warum ein Regelkartensignal trotz toleranzgerechtem Messwert eine Prozessuntersuchung auslöst und wie Sie Eingriffsgrenzen richtig einordnen.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Eine Regelkarte zeigt, ob ein Prozess über die Zeit vorhersagbar läuft, nicht ob er die Zeichnung erfüllt.
  • Eingriffsgrenzen stammen aus dem Prozess, Toleranzgrenzen aus der Zeichnung. Beide Zahlen haben verschiedene Aufgaben.
  • Ein Messwert kann innerhalb der Toleranz liegen und trotzdem ein Signal auslösen, das eine Untersuchung rechtfertigt.

Was Eingriffsgrenzen beobachten

Eine Regelkarte stellt ein Qualitätsmerkmal über der Stichprobennummer oder der Zeit dar. Sie enthält eine Mittellinie und zwei Eingriffsgrenzen, eine obere und eine untere, die als UCL und LCL bezeichnet werden. Solange der Prozess unter Kontrolle bleibt, sollen fast alle Punkte innerhalb dieser Grenzen liegen. So beschreibt es das NIST-Handbuch zu Regelkarten.

Fällt ein Punkt außerhalb der Grenzen, geht das Handbuch davon aus, dass der Prozess wahrscheinlich außer Kontrolle ist und eine Untersuchung sinnvoll wird. Die Grenzen selbst werden dabei aus dem Prozessverhalten abgeleitet, meist als Vielfaches der Standardabweichung. In den USA sind Drei-Sigma-Grenzen übliche Praxis, in Großbritannien bevorzugen Statistiker häufig Wahrscheinlichkeitsgrenzen.

Wichtig bleibt die Richtung der Aussage. Die Karte beobachtet Stabilität, nicht Übereinstimmung mit einer Vorgabe. Statistisch in Kontrolle bedeutet dem Handbuch zufolge, dass alle Punkte zwischen den Grenzen liegen und ein zufälliges Muster bilden.

Warum Zeichnungstoleranzen eine andere Frage beantworten

Die Zeichnung legt fest, welche Werte ein Bauteil haben darf. Eine Toleranzgrenze ist eine Anforderung an das Produkt. Die Eingriffsgrenze ist eine Erwartung an den Prozess. Beide können zahlenmäßig nah beieinander liegen oder weit auseinander, ohne dass die eine die andere ersetzt.

Das NIST-Handbuch formuliert diesen Unterschied deutlich: Statistische Kontrolle bedeutet nur, dass ein Prozess vorhersagbar ist. Ein stabiler Prozess kann trotzdem eine unakzeptable Mittellage oder Streuung aufweisen. Erst wenn er stabil ist, lässt er sich gezielt zentrieren oder in seiner Streuung reduzieren, etwa durch Experimente, Kalibrierung oder eine neue Auswertung historischer Daten.

Daraus folgt eine praktische Trennung. Die Zeichnung beantwortet die Frage nach der Konformität eines Teils. Die Regelkarte beantwortet die Frage, ob der Prozess, der dieses Teil erzeugt, berechenbar läuft.

Den vierten Messwert im Beispiel einordnen

Das folgende Zahlenbeispiel ist frei gewählt und dient nur der Veranschaulichung. Die Eingriffsgrenzen sind vorab festgelegt, nicht aus diesen fünf Werten geschätzt. Eine Aussage über die Prozessstabilität lässt sich daraus nicht ableiten.

Nr. Messwert Eingriffsgrenzen 9,970 bis 10,030 Zeichnung 9,950 bis 10,050
1 10,000 mm innerhalb innerhalb
2 10,012 mm innerhalb innerhalb
3 10,008 mm innerhalb innerhalb
4 10,041 mm außerhalb innerhalb
5 10,014 mm innerhalb innerhalb

Der vierte Messwert liegt mit 10,041 mm über der oberen Eingriffsgrenze von 10,030 mm, aber unter der Zeichnungsgrenze von 10,050 mm. Das Bauteil wäre nach Zeichnung in Ordnung. Die Regelkarte zeigt dennoch ein Signal, das eine Untersuchung des Prozesses rechtfertigt.

Genau diese Trennung verhindert zwei Fehler. Wer nur auf die Toleranz schaut, übersieht eine Veränderung im Prozess. Wer nur auf die Karte schaut, verwechselt ein Prozesssignal mit einem Ausschussurteil.

Das Signal prüfen und die Reaktion festhalten

Ein Signal ist kein Urteil. Es ist ein Anlass, die Ursache zu suchen, nicht sie zu unterstellen. Prüfen Sie zuerst, ob die Messung selbst stimmt: Messmittel, Prüfbedingungen, Bedienung und Rückführung. Erst danach folgen Prozessdaten wie Werkzeugverschleiß, Materialcharge, Temperatur oder Rüstwechsel.

Halten Sie die Reaktion nachvollziehbar fest. Bewährt hat sich eine kurze Notiz mit Zeitpunkt, Anlass, geprüften Ursachen und getroffener Maßnahme. Dieses Vorgehen ist eine eigene praktische Empfehlung, keine normative Vorgabe.

Ein weiterer Punkt gehört dazu: Nicht jeder Punkt innerhalb der Grenzen bedeutet Ruhe. Zeigt die Karte ein systematisches, nicht zufälliges Muster, etwa viele Punkte oberhalb der Mittellinie in Folge, lohnt ebenfalls eine Untersuchung. Statistische Verfahren zur Erkennung solcher Sequenzen lassen sich auf die Karteninterpretation anwenden.

Was bei der Merkmalsauswahl zählt

Wählen Sie Merkmale, die der Prozess tatsächlich beeinflusst und die sich wiederholt messen lassen. Kritische Maße, die Kunden besonders interessieren, gehören dazu. Ein Merkmal, das nur einmal pro Schicht geprüft wird, liefert weniger Informationen über Veränderungen.

Stichprobenhäufigkeit und Stichprobengröße lassen sich nicht pauschal festlegen. Diese Entscheidung hängt vom Prozessrisiko, den Kosten und den vereinbarten Anforderungen ab und gehört in eine betriebliche Regelung.

Häufige Fragen

Ersetzt eine Regelkarte die Prüfung gegen die Zeichnung? Nein. Die Karte beobachtet den Prozess, die Zeichnung definiert die Produktanforderung. Beide Prüfungen bleiben getrennt.

Was tun, wenn ein Punkt innerhalb der Toleranz, aber außerhalb der Eingriffsgrenze liegt? Die Ursache untersuchen, nicht das Teil automatisch verwerfen. Ein Signal löst eine Untersuchung aus.

Reichen fünf Messwerte, um die Grenzen festzulegen? Nein. Im Beispiel sind die Grenzen vorab deklariert. In der Praxis braucht es belastbare Prozessdaten oder interne Vorgaben.

Mehr aus Qualitätssicherung